Montag, 15. August 2016

The good, the fat and the ugly

Auf die mediale Inszenierung von Unterschichten wurde auf diesem Blog bereits aufmerksam gemacht. Sie richtet sich auf alle, die dem zeitgenössischem Ideal eines Menschen (gepflegtes Äußeres, durchtrainiert, gebildet, leistungsstark etc.) nicht vollends entsprechen: Arbeitslose sowie Geringverdiener, "Dumme", "faule Schmarotzer" aber auch Dicke. Nicht selten werden dabei diese Merkmale miteinander in Verbindung gebracht. Ist jemand arbeitslos, ist er wahrscheinlich faul, da er ja nicht arbeitet, zumindest aber auch dumm, denn er scheint ja kein auf dem Arbeitsmarkt verwertbares Wissen zu haben. Ist jemand dick, ist er/sie mindestens faul, denn er/sie treibt ja offensichtlich keinen Sport, und vermutlich ist er/sie auch dumm, denn der/diejenige hat augenscheinlich keine Ahnung, wie man sich gesund ernährt.

Bildausschnitt aus der RTL-Pseudo-Doku »Mitten im Leben«
Hier wird Adipositas direkt mit Dummheit verbunden.

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment:
Sie leiten eine große Firma und suchen einen neuen Mitarbeiter. Sie haben zwei Aspiranten, die beide absolut die gleiche Biografie, dieselben Qualifikationen usw. haben. Nur: einer ist dick und der andere durchtrainiert. Wen stellen Sie ein?

Ein durchtrainierter Körper ist heutzutage ein Zeichen von Askese und Leistungsbereitschaft: Eigenschaften, die vor allem in der modernen Leistungsgesellschaft von größter Bedeutung sind. Übergewicht hingegen wird mit Faulheit oder mindestens mit Gemütlichkeit assoziiert – also eher negative Konnotationen, Laster. Folglich ist es kein Wunder, dass sich die meisten Menschen dem zeitgenössischen Schönheitsideal unterwerfen und versuchen abzunehmen bzw. möglichst gesund zu leben.

Den Selbsthass gibt es gratis obendrauf

Mit diesem Begriff von Schönheit wird man heutzutage allenthalben bombardiert, vor allem in sozialen Netzwerken. Bei Instagram versuchen sich Leute zu übertreffen, wer den schönsten Körper, den flachsten Bauch und den schönsten Arsch hat. Sowas baut dementsprechend Druck auf bei all denjenigen, die diesem Ideal nicht entsprechen. Mal ist dieser Druck dabei mehr, mal weniger subtil. Horden junger Menschen posten tagtäglich Fotos ihrer Körper: Männer trainieren oberkörperfrei mit der Langhantel und knapp bekleidete Frauen halten ihren Hintern in die Kamera um ihren Trainingserfolg unter Beweis zu stellen. Auch in Memes offenbart sich die Verachtung für Menschen, die sich diesem Druck entziehen. Im Subtext steht dabei immer: So musst du sein. Wenn du nicht so bist, ist etwas falsch mit dir; du bist nicht liebenswürdig. 

»Sich über eine fette Person beim Sport lustig zu machen ist wie sich über einen Obdachlosen bei der Arbeitssuche lustig zu machen. Mach dich nicht über Leute lustig, die versuchen sich zu verbessern.«
Fette Menschen nehmen beim Sport nicht ab, sondern sie verbessern sich. Über alle die sich nicht verbessern, darf man sich anscheinend lustig machen.


Heute wird in Talkshows nicht mehr über Politik, sondern über Ernährung gestritten


Die Frage des »richtigen« Körpers führt dabei zwangsläufig auch zu der Frage der richtigen Ernährungsweise: Für viele eine existentielle Frage. Trends wie Vegetarismus, Veganismus, eiweißreiche oder kohlenhydrat- sowie fettarme Ernährung sowie gluten- und laktosefreie Ernährung sind Zeugen dieser Entwicklung. Dabei wird oft sehr leidenschaftlich diskutiert. So geschehen beispielsweise bei der Talkshow von Sandra Maischberger: Werner Bartens schreibt für die Süddeutsche im Gesundheitsressort und vertritt sinngemäß die These, alles, was gut schmeckt, sei auch gut. Ferner kritisiert er die Verwissenschaftlichung von Ernährung (sog. Healthism), sagt, dass viele Menschen, durch Zwang und Kontrolle, ein gestörtes Essverhalten an den Tag legen und betont, dass die wissenschaftliche Forschung zum Thema Ernährung nicht so eindeutig ist, wie es viele gerne hätten. Besonders mit dem berühmten Veganer Attila Hildmann, Autor einiger Bücher zum Thema »Vegane Ernährung«, ist er sich uneinig.

»Könnte Herrn Bartens eine klatschen«

Noch interessanter als die Debatte an sich ist dabei die Rezeption von Bartens Äußerungen zum Thema Ernährung. Mit viel Polemik werden seine Internet- und TV-Auftritte dabei bei Youtube aufgegriffen und emotional kritisiert. Beispielsweise hier oder auch hier.

Angesichts der teilweise heftigen Reaktionen auf Bartens etwas hedonistischer Einstellung zum Thema Ernährung stellt sich die Frage, wie bei einem solch banalen Thema Emotionen derart hochkochen können. Schließlich gibt es auch keine Talkshows, in denen sich Hobbygärtner über die Frage der richtigen Bewässerung gegenseitig an die Gurgel gehen. Woher kommen die Emotionen?

Die richtige Ernährung als Glaubensfrage: Ernährung als Distinktionsmerkmal

Dass Veganer und Vegetarier unglaublich sendungsbewusste und missionierfreudige Menschen sind ist zweifelsfrei ein gern genutztes Klischee. Sie sind oft Thema von Memes.

»Wenn du Veganer bist und es seit 10 Minuten noch keinem gesagt hast.«
Der gemeine Veganer als mitteilungsfreudiger Missionar
Oft ist es nicht so, dass sich Fleischesser für ihren Fleischkonsum rechtfertigen müssen, sondern umgekehrt: Vegetarier müssen sich für ihren Verzicht rechtfertigen. Ernährung ist inzwischen nicht mehr nur Essen, sondern eignet sich wunderbar als Distinktionsmerkmal. Wir nutzen unsere Ernährung als Ausdruck unserer selbst.

Wollen wir dynamisch, belastbar, leistungsstark und vital sein, dann müssen wir uns auch dementsprechend ernähren: Täglich mindestens 3 Liter Wasser trinken, viel Obst und Gemüse. Sind wir auf der Suche nach dem Traumkörper müssen noch ganz viele Eiweiß-Shakes für die Muskeln hinzukommen. Halten wir es mit den Tierrechten kommt eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise in Frage. Essen was lecker ist? Nur wenn im Gegenzug am Tag darauf dafür gezahlt wird; und zwar in der einzigen Währung, die ein gesunder Körper kennt: Smoothies, Salat und schlechtes Gewissen.

Auf die Äußerungen von Herrn Bartens wird nicht derart emotional reagiert, weil es sich hierbei um ein kontroverses Thema handelt, sondern weil für viele Menschen Ernährung Teil ihrer selbst ist. Stellt man den Sinn ihrer Ernährung in Frage, stellt man sie in Frage, das, woran sie glauben und die Grundsätze, nach denen sie leben. Dabei gibt es bessere Wege und Mittel sich selbst zu definieren als anhand der Frage, wie man es denn mit tierischem Eiweiß hält.

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