Mittwoch, 23. März 2016

Kommentar: Mehr Verantwortung!

Des Einen Freud ist des Anderen Leid, so sagt man. Und das stimmt auch. Wenn man nach den Paris-Attentaten letzten Jahres ganz still war, konnte man neben den Bomben auch noch etwas anderes knallen hören: Sektflaschen an der Wall Street.

Bombenstimmung in der Rüstungsindustrie

Der pawlowsche Reflex ist schon derart ausgeprägt, dass die Aktien von Rüstungskonzernen nach Terror-Anschlägen sofort ansteigen. Und das nicht ohne Grund: Waren die Reaktionen westlicher Nationen auf Terrorismus doch meist dieselben: Mehr Rüstung, ein paar blutige Interventionen hier, da ein Regime-Change und währenddessen nicht vergessen im eigenen Land die Bürgerrechte abzubauen. In Frankreich ist der Ausnahmezustand längst die Regel. Hat das alles geholfen, den islamistischen Terrorismus zu besiegen?

Einstein hat Wahnsinn folgendermaßen definiert: Immer wieder das Gleiche tun, aber ein anderes Resultat erwarten. Man kann mutmaßen, dass Einstein kein gutes Haar an der transatlantischen Außenpolitik gelassen hätte. Und tatsächlich entbehrt es jedweder Logik, gegen Terroristen, die gegen die feindliche Besatzung im heiligen Land kämpfen, mit mehr Interventionen vorzugehen.

Dabei haben wir eigentlich Glück: Wir haben in Europa heute weniger Terrorismus als vor zwanzig Jahren. Angesichts solch trockener Fakten, könnte man durchaus die Kirche im Dorf lassen. Fakten interessieren natürlich weniger, weil die Terroristen keine deutschen Neo-Nazis und keine spanischen Marxisten mehr sind, sondern Muslime – übrigens genau wie die allermeisten Opfer. Dabei haben humanitäre Interventionen der westlichen Wertegemeinschaft im Orient Tradition und Geschichte. Seit 1953 interveniert und putscht man nach Gutdünken. Um Werte oder gar Demokratie ging es dabei natürlich weniger. Worum es ging ist natürlich letztlich auch nebensächlich, wenn man sich die Folgen ansieht. Im Irak ist die Kindersterblichkeitsrate in Folge des Irak-Krieges beispiellos in die Höhe geschnellt: Wie zuvor in Jugoslawien und Afghanistan – benutzte der Westen Uran-Munition. Noch heute werden im Irak Kinder mit Mutationen geboren.

Quelle: dpa
Ursachenanalyse? Wen juckts?! Die Terroristen hassen uns und unsere Art zu leben, weil sie halt so sind wie sie sind, weil der Islam böse ist, weil sie unsere Werte hassen. Das hat alles nichts mit uns zu tun, denn wir sind die Guten. Immer und überall. Dabei wäre es doch vor allem interessant den Hintergrund der Täter zu erfahren, um detailliert nachverfolgen zu können, wie sich Islamisten radikalisieren – und warum. Stattdessen entpolitisiert man die Debatte systematisch. Es ist einfach, den Feind zu entmenschlichen. Schwerer ist es, sich in ihn hineinzuversetzen.

Mehr Verantwortung?

Auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2014 hat Bundespräsident Gauck gesagt, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen. Das fand die Presse prima. Nun erhielt Deutschland 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise die Gelegenheit dazu, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Das fanden viele nicht so prima. Dabei wäre es prinzipiell durchaus angemessen, die Flüchtlinge, die Deutschland zusammen mit dem Westen erst zu Flüchtlingen gemacht hat, auch aufzunehmen. Stattdessen diskutiert man hier, dass womöglich nicht alle Flüchtlinge unsere Werte teilen. Doch wir sollten fair bleiben: Die Iraker haben 2003 jede Menge Leute in ihr Land aufnahmen, die auch ihre Werte nicht teilten und nicht mal Respekt vor dem Völkerrecht hatten.

Man muss aber Bundespräsident Gauck in Schutz nehmen: Mit mehr Verantwortung meinte er nicht mehr Verantwortung im Sinne von mehr Flüchtlinge aufnehmen, sondern deutsche Interessen in der Welt immer dann zu verteidigen, wenn sie bedroht werden. Ursula von der Leyen hat bereits reagiert und den Wehretat erhöht, denn sie weiß genauso gut wie Gauck und die Grünen, dass Yoga-Matten im Krieg gegen den Terror nicht weiterhelfen werden.

An der Wall Street freut man sich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen