Samstag, 30. Januar 2016

Von Opfern und Tätern

The Good, the Bad and the West

Es brauchte schon einen waschechten Völkermord. Anders hätte man 1999 die deutsche Öffentlichkeit wohl kaum von der Notwendigkeit des ersten Kriegseinsatzes der Bundeswehr nach 1945 überzeugen können. Damals hielt Scharping Bilder von vermeintlichen Massakern der Serben an albanischen Zivilisten hoch und sprach in Talkshows von Konzentrationslagern für Kosovo-Albaner: Es drohe ein Völkermord an den Kosovo-Albanern durch neue Nazis.

Heute ist man klüger und weiß, dass es weder groß angelegte Massaker durch Serben an der kosovarisch-albanischen Zivilbevölkerung, noch Konzentrationslager gab. Die Rolle des absoluten Bösen passte auf die Serben ebenso wenig, wie die Rolle des unschuldigen Opfer den Kosovo-Albanern: Erste errichteten zwar eine Art Apartheids-Regime mit zahlreichen Grausamkeiten, waren aber kaum an einer Eskalation der Lage im Kosovo interessiert; Letztere wiederum litten unter der Herrschaft der Serben, gründeten ihrerseits aber eine terroristische Guerrilla-Bewegung um den Kosovo »zu befreien«. Nichtsdestotrotz waren sich vor allem die westlichen Medien spätestens seit dem Bosnienkrieg einig: die Serben und allen voran Slobodan Milosevic sind die Täter und die Kosovo-Albaner die Opfer
In diesem Beispiel sind die Opfer die Kosovo-Albaner. Paradoxerweise trifft man oft vor Ort auf ganz verschiedene Narrative. Die Kroaten, die Serben, die Bosniaken, die Kosovo-Albaner: sie alle sehen sich irgendwo als Opfer – die Täter waren immer andere. Vor allem Populisten bedienen sich dieser Opfernarrative – nicht nur auf dem Balkan, sondern überall.

Wenn man selbst das Opfer ist: Selbstviktimisierung

Öffnet man die Facebook-Seite von PEGIDA, wird man schnell fündig in Sachen Opfernarrativen. Hier ein Video mit der Überschrift »WIR WURDEN BELOGEN«, da 'Artikel' über staatliche Finanzierung von Antifa-Demonstranten, dort 'Merkeldiktatur' und hier wieder Verrat am deutschen Volke. Am Beispiel PEGIDA zeigt sich exemplarisch, wie Opfernarrative konstruiert und instrumentalisiert werden: Die Dolchstoßlegende lebt hier weiter.
Man sollte sich allerdings nicht der Illusion hingeben, solche Opfernarrative gäbe es nur Rechtsaußen. Gesellschaftliche Eliten haben sich schon immer als Wortführer in solchen Diskursen präsentiert. So versucht beispielsweise der Philosoph Peter Sloterdijk unter Nutzung zahlreicher Fremdwörter dem Diskurs so etwas wie akademische Würde zu verleihen und sagt im Interview mit dem Cicero:
»Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr«
sowie:
»Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung«
Die Message ist klar: Wir werden von denen belogen, die verlangen von uns einen 'Selbstmord'! Die Selbstviktimisierung dahinter trieft vor Selbstmitleid.

Auch in der politischen Linken haben Opfernarrative gerade Hochkonjunktur: Der islamistische Terrorist wird beispielsweise als hilfloses Opfer des US-Imperialismus dargestellt, das keine andere Wahl hatte, als zu den Waffen zu greifen und den Ungläubigen den Krieg zu erklären.
Oder Sahra Wagenknecht: Sie verspricht sich bei PEGIDA ein gewisses Wähler-Potenzial, wenn sie ihnen klarmachen könne, dass die Linke nicht käuflich sei, wie die anderen Parteien. Und auch hier ist die Message klar: Das Volk wird verraten. Irgendwo kaufen Lobbyisten Abgeordnete und lassen Politik gegen den einfachen Mann machen. Aber nicht mit Frau Wagenknecht!


Opfernarrative gibt es überall – egal ob links, rechts, beim 'Pöbel' oder im Feuilleton. Sie fungieren als 'Wiedergutmachung', 'Kompensation' von Schmerzen – egal ob tatsächlich zugefügt oder nur empfunden – und entstehen damit in (für die Beteiligten empfundenen) dramatischen Situationen. Die einseitige Verteilung moralischer Schuld hat dabei zu Folge, dass versucht wird diese Opferrolle zu kompensieren: oft durch Zufügen neuer Leiden, die angesichts der Schuld als gerechtfertigt betrachtet werden. Das 'Opfer' sehnt sich nach Gerechtigkeit.
Dabei wird die Realität oft verzerrt dargestellt. Nur das, was in das eigene Opfernarrativ, das eigene Weltbild passt, wird auch wahrgenommen – alles andere versucht man auszublenden. Eine Art selbstviktimisierender Tunnelblick: Rechte Gewalt? Gibt es nicht.
Zugleich birgt das Opfernarrativ ein hohes Solidarisierungspotenzial, denn über solch eklatante Ungerechtigkeit kann nicht einfach hinweg geschaut werden. Das kann sich steigern bis zu einer Art Märtyrertum für die Gerechtigkeit. Oder – um zurück zum Beispiel von PEGIDA zu kommen – mit anderen Worten:
»Wenn immer wieder so getan wird, als befänden wir uns in einem totalitären Staat, gilt vielen jeder Anschlag auf ein Flüchtlingsheim als mutiger Widerstand.« 
– Arne Hoffmann

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