Samstag, 12. September 2015

Warum wir die Armen verachten 2/2

Vor kurzem habe ich einen sehr hörenswerten Radiobeitrag online bei Bayern 2 gehört, der mir vom Freitag empfohlen wurde. Der Titel: "Prolls, Assis und Schmarotzer - Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet". Er hat die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte skizziert, aufgezeigt, welche Rolle die Medien und Politik in Sachen Menschenfeindlichkeit tragen und wie tief diese in uns verankert ist. Da bestimmt nicht jeder die Zeit für die knapp 60 minütige Radiosendung hat, möchte ich sie kurz grob inhaltlich wiedergeben und ergänzen.

Im ersten Teil dieser Beitragsserie wurde aufgezeigt, wie das Bild des Langzeitarbeitslosen in Deutschland über Jahre hinweg zum Feindbild änderte hin zum Parasiten, der sich auf Kosten anderer ausruht. Er wird dabei meist als dumm, faul, unhygienisch und sexuell verwahrlost dargestellt - also das komplette Gegenstück zum Individuum der Leistungsgesellschaft: sportlich, hygienisch, umweltbewusst, gebildet und erwerbstätig.

Doch bezieht sich diese Menschenfeindlichkeit nur auf Langzeitarbeitslose? Oder sind die Feindbilder vielleicht beliebig? Und warum entsteht diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? Teil 2 von 2.

 

 Der »Sozialtourist«

Jan Fleischhauer, Spiegel Kolumnist, redet im Sat-1 Frühstücksfernsehen über Hartz-IV und den gefährdeten, deutschen Sozialstaat. Er sagt nicht nur, dass viele Kinder von Hartz-IV Beziehern schlechte Zähne hätten, da sie durch ihre Eltern nicht einmal das richtige Zähneputzen gelernt hätten (stellt also eine Beziehung zwischen Erwerbslosigkeit und hygienischer Verwahrlosung her), er redet auch über die EU-Osterweiterung:
"Ich glaube, dass es vor allem dann ein Problem wird mit der EU-Erweiterung. Wenn sie aus Rumänien oder Bulgarien zu uns kommen, da gilt für sie völlige Freizügigkeit und das heißt auch Zugang zum deutschen Sozialstaat." - Jan Fleischhauer bei Sat-1
Fleischhauer schafft nicht nur eine seltsame Verbindung aus Arbeitslosigkeit und schlechter Erziehung, sondern befürchtet, dass Osteuropäer den deutschen Sozialstaat untergraben würden, denn das Hartz-IV Niveau hierzulande sei für viele Osteuropäer ein »Paradies«. Zum Ende des deutschen Sozialstaats ist es bekanntlich nicht gekommen und auch die deutsche Wirtschaft hat die Freizügigkeit überlebt - aber das stört Fleischhauer nicht weiter. Doch diese Stimmungsmache gegen andere Völker ist kein Randphänomen:
"Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren - bis zur letzten Patrone" - Horst Seehofer, CSU, politscher Aschemittwoch
2013 warnt vor allem die CSU vor »Sozialtourismus«, also vor Armutsmigration aus Osteuropa. Die apokalyptische Warnung des Rechtspopulisten: "Wenn es so weiter geht, kommen die alle zu uns und zerstören uns unseren Wohlstand!"
Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezieht sich also nicht mehr nur auf Langzeitarbeitslose. Längst sind ganze Völker Objekt dieser Feindlichkeit.
Quelle: Spiegel
Der Spiegel vom Juli 2015 zeigt einen Deutschen mit reichlich Geld in der Hand neben einem unbeschwerten Griechen mit Zigarette und Getränk. Die Botschaft in Zeiten der griechischen Schuldenkrise ist klar: Der Grieche lebt ein gutes Leben auf unsere Kosten. Um eine detaillierte Aufarbeitung der Zusammenhänge von verschieden Handelsbilanzen und Staatsschulden in einem Wirtschaftsraum ist das Blatt weniger bemüht, als um die Stigmatisierung des griechischen Volkes.

Der »Extremismus der Mitte«

Die Mitte Studie der Universität Leipzig hat herausgefunden, dass die offene Ablehnung sich 2014 nicht mehr nur auf Langzeitarbeitslose, sondern besonders auf Muslimen, Sinti und Roma und vor allem Asylbewerber bezieht. Doch warum? Die Studie sagt, dass nicht automatisch eine wirtschaftlich schlechtere Situation zum Anstieg der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit führt. Der Grund sei viel mehr, dass ein »Identitätsversprechen« brüchig wird. Dieses lautet: Sei eigenverantwortlich, diszipliniert, arbeite hart - die Schlagworte des politischen Liberalismus.
Und tatsächlich ist das Medianeinkommen in den Jahren 2005-2010 durchweg gesunken, die Anstrengungen blieb für viele Bürger ohne Erfolg und die eigene wirtschaftliche Lage in der Wirtschafts- und Finanzkrise ungewiss.
Wenn jetzt fremde Menschen, ohne dieselbe Leistung erbracht zu haben, kommen und Sozialleistungen - ganz egal wie gering sie sind - empfangen, dann kann sich die Enttäuschung über die ausgebliebene Belohnung für das eigene Leben in Hass umwandeln. Die massiv gestiegene Zahl von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte sowie die zunehmende Zahl der Gegner von Flüchtlingsunterkünftne sind ein Beleg dessen.
Die Forscher nennen diesen Menschenfeindlichkeit, weil sie sich nicht auf den Rechtsextremismus reduzieren lässt sondern gerade die bürgerliche Mitte der Leistungsgesellschaft durchzieht, »Extremismus der Mitte«.
"Alle Gruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft in irgendeinem Punkt abweichen, laufen demnach Gefahr, mit Ressentiments belegt und mit Aggressionen verfolgt zu werden. Doch welche spezifischen Merkmale die Stigmatisierung letztlich auslösen, ist nicht ganz beliebig, sondern dassteht in engem Zusammenhang damit, was die Mehrheitsgesellschaft als Gruppe konstituiert, mit welchem gemeinsamen Ideal sie sich identifiziert. [...] die Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten wird dadurch bestimmt, ob sie Deutschland einen Ertrag bringen oder kulturell nahe stehen." - Mitte Studie, Universität Leipzig 2014

Feindbilder der Linken: Der Nazi-Proll

Auch die politische Linke ist nicht frei von Feindbildern: Als es in den 90ern in Rostock Lichtenhagen zu Brandanschlägen gegen Asylsuchende durch rechte Gruppen kam, wurde ein Foto berühmt, dass einen dieser Männer zeigte. Harald Ewert streckt den Arm zum Hitler Gruß, trägt ein Trikot der deutschen Nationalmanschaft und eine eingenässte Jogginghose. Das Bild wird zu einem Symbol des neuen deutschen, hässlichen Nationalismus. Die Politiker, die damals gegen Asylbewerber gewettert haben oder die Polizei, die die Ausschreitungen nicht verhindert hat, interessiert da weniger.
Bei VICE erscheint 2013 ein Artikel über einen Nazi aus Hellersdorf.
"42 syrische und afghanische Flüchtlinge suchen in Berlin Schutz vor den in ihrer Heimat tobenden Kriegen, und Deutschland, Berlin, genauer gesagt Hellersdorf, empfing sie zu Beginn der Woche mit dem dumpfesten Pöbel, der an einem Montagvormittag genügend Zeit und Muße hat, rechte Parolen zu skandieren, anstatt wie wahrscheinlich normalerweise den Tag mit Bier aus Plastikflaschen zu begrüßen." - Basiliko Brenner, 22.08.2013
 Und wieder: der dumme, pöbelnde, white-trash Nazi-Proll dient als Feindobjekt, anstelle von beispielsweise Behörden, die jahrelang den rechten Terror des NSU tatenlos geduldet haben. Der Blog "Schantall und die Scharia", der sich ehrenswerterweise für Flüchtlinge einsetzen, bedient sich des gleichen billigen Feindbildes der Linken. Und auch Sendungen wie Extra 3 bedienen sich dessen.
"Du bist ein besorgter Bürger und auch ein bisschen ausländerfeindlich? Du bist nicht sehr schlau und arbeitslos? Und sag mal, kein Bock auf Flühtlinge? Die könnten dir ja einen Job wegnehmen, den du eh nie gekriegt hättest." - Extra 3
Dass der Stereotyp des Nazi Prolls für Satire und Kritik herhalten muss, nicht aber die politische Elite, die vor kurzem ein PEGIDA-Gesetz erlassen hat, welches Flüchtlinge kriminalisiert, und die sich derzeit für eine deutsche Willkommenskultur feiern lässt, lässt tief in die Seele dieser Gesellschaft blicken.
Auch wenn manch einer sich gerne über die Sprüche eines Horst Seehofer, eines Jan Fleischhauers oder über provokante Titelblätter von Spiegel, Focus und Co. echauffiert, so trifft die »autoritäre Agression« zumeist die Schwachen und Hilflosen. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Denn eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit den Schwachen umgeht (Rosa Luxemburg).

1 Kommentar:

  1. Hallo Herr Burkhardt, danke. Ich bin nur durch Googeln auf Ihren Blog gestoßen, nachdem ich bei Max Uthoff war. Sie schreiben mir so von der Seele.

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