Freitag, 11. September 2015

Warum wir die Armen verachten 1/2

Vor kurzem habe ich einen sehr hörenswerten Radiobeitrag online bei Bayern 2 gehört, der mir vom Freitag empfohlen wurde. Der Titel: "Prolls, Assis und Schmarotzer - Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet". Er hat die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte skizziert, aufgezeigt, welche Rolle die Medien und Politik in Sachen Menschenfeindlichkeit tragen und wie tief diese in uns verankert ist. Da bestimmt nicht jeder die Zeit für die knapp 60 minütige Radiosendung hat, möchte ich sie kurz grob inhaltlich wiedergeben und ergänzen.

Der Kabarettist Max Uthoff hat in seinem aktuellen Programm einen Hinweis auf einen Ausschnitt von Hart aber fair vom Herbst 2014:
Das Thema ist die Qualität von Tiefkühlkost. Eingeladen ist auch Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre und offensichtlich nicht arbeitslos. Roeb hinterfragt das schlechte Image von Fertigkost. Denn für die frische Zubereitung der Speisen bräuchte man viel Zeit. Zeit die höchstens Arbeitslose haben. Die hätten jedoch die nötigen Fertigkeiten für die Zubereitung nicht. Aufruhr im Publikum. Plasberg greift ein:


Doch der eigentliche Skandal ereignet sich erst im Anschluss, als Plasberg fragt, ob sein Gast einen Unterschied in der Zubereitung zwischen Hartz-IV Empfängern und Abiturienten sieht.
Plasberg unterscheidet zwischen klugen Menschen und arbeitslosen Menschen. Niemand unterbricht ihn und sagt, dass Erwerbslosigkeit und Intelligenz zwei verschiedene Sachen sind.
Dass Plasberg es - wenn auch nicht bewusst - so gesagt hat wie er es gesagt hat und dass es kaum jemandem aufgefallen ist, offenbart das Bild des typischen Arbeitslosen: Der dumme, faule Sozialschmarotzer, der gerade intelligent genug ist, um eine Pizza in den Ofen zu schieben.
Woher kommt es? Wie wirkt es? Teil 1 von 2.


"Er lacht über uns"

Arno Dübel, Florida Rolf, Karibik Klaus und Mallorca Caren. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit, führen ein gutes Leben ohne etwas dafür getan zu haben, sie schmarotzen, faulenzen auf Kosten anderer.
Das ist zumindest das Bild, das einige Medien erschaffen wollen. Dass bspw. 'Florida Rolf' schwer krank und berufsunfähig ist, spielt da keine Rolle. Die Berichterstattung über sie fällt in eine Zeit, die von enormen Reformen im Sozialstaat geprägt sind - die Hartz-Reformen. Der deutsche Sozialstaat, der im Laufe des 20. Jahrhunderts immer stärker anwuchs, galt nach der Wiedervereinigung und den damit verbundenen hohen Arbeitslosenzahlen als nicht mehr leistungsfähig, nicht zeitgemäß. Die Regierung Schröder hat ihn nachhaltig umgebaut: Waren Arbeitslose früher Bürger mit Anrecht auf Leistungen, sind sie heute Bittsteller. Ihre Leistungen sind bedarfsorientiert, ihr Bedarf muss nachgewiesen werden. Darüber hinaus können Leistungen gestrichen werden, Sanktionen verhängt werden, wenn der Arbeitslose nicht zu Terminen im Job-Center auftaucht, oder Maßnahmen wie das Versenden von Massen-Bewerbungen nicht mitmachen will. Selbst das Essen bei Verwandten kann zu Sanktionen führen. Was dies mit den Beziehern solcher Leistungen macht, zeigen Statistiken.


Das Recht auf Faulheit und die Ökonomisierung des Sozialen

Die Kampagne gegen sog. Sozialschmarotzer hat ihr Ziel nicht verfehlt: Zwei Monate nach der Bild-Kampagne heißt es: Keine Sozialhilfe unter Palmen! Das Handelsblatt spricht von 'Missbrauch' und bleibt eine Erklärung schuldig, wie ein Recht auf eine Leistung missbraucht werden kann. Arno Dübel wird von einer Touristin mit den Worten "Du Sau! Du verprasst hier mein Geld!" angegriffen. Die Debatten jener Zeit zeugen von einer Feindseeligkeit gegenüber Arbeitslosen. In der Bild spricht Kanzler Schröder davon, dass es "kein Recht auf Faulheit" gäbe und stellt die Gleichung arbeitslos = faul auf.
Parteigenosse Wolfgang Clement geht sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnet Arbeitslose als parasitäre Lebensform.
"Biologen verwenden für Organismen, die zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen - ihren Wirten - leben, übereinstimmend die Bezeichnung 'Parasiten'." - Wolfgang Clement, SPD, Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, 2005
Die Ökonomisierung des Sozialen, d.h. Menschen vor allem unter dem Aspekt des wirtschaftlichen Nutzen zu beurteilen, zieht sich durch die meisten Parteien, egal ob SPD, Grüne oder FDP.
In der gesamten Debatte ist zugleich bemerkenswert, dass Gründe für Arbeitslosigkeit kaum behandelt werden. Dass hinter jedem Arbeitslosen ein Mensch mit Schicksalsschlägen steckt, der vielleicht gerne seinen Unterhalt selbst erarbeiten würde, es aber nicht schafft, oder dass vielleicht unser wirtschaftliches System eine Mitschuld trägt, interessiert dabei kaum. Das Menschenbild, welches hinter solchen Äußerungen steckt, ist menschenfeindlich: Der Mensch ist von Natur aus faul und will seine Mitmenschen ausnutzen. Der white-trash aus den RTL Nachmittagssendungen (Stichwort 'scripted reality') ist als Feindbild in Politik und Gesellschaft unlängst angekommen
"Wer es schafft Faulheit als Motiv zu installieren, der macht aus Opfern Täter." - Max Uthoff

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Der Langzeitarbeitslose

Konfliktforscher wie Wilhelm Heitmeyer haben herausgefunden, dass die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber Langzeitarbeitslosen seit der Agenda 2010 zugenommen hat. Im Interview mit dem Spiegel sagt er:
"Im Gegensatz zu früher, wo es unter anderem gegen Schwule, Muslime oder Ausländer ging, geraten jetzt Langzeitarbeitslose ins Visier. 47 Prozent der Menschen sind der Ansicht, dass "die meisten Langzeitarbeitslosen nicht wirklich daran interessiert sind, einen Job zu finden". 57 Prozent sagen, es sei "empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen". Gegen keine Gruppe finden sich in der Gesellschaft so viele Vorbehalte wie gegen Menschen, die schon länger keine Arbeitsstelle mehr haben." - Wilhelm Heitmeyer, 2010 im Spiegel-Interview
An dieser öffentlichen Ablehnung gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft tragen sowohl Medien, Wissenschaft und Politik Verantwortung. Guido Westerwelle prophezeite gar das Ende Deutschlands, als er von spätrömischer Dekadenz in Zusammenhang mit dem Sozialstaat sprach. Der Philosoph Peter Sloterdijk redet gar von einer »Ausbeutungsumkehrung« durch den Sozialstaat. Die arbeitende Bevölkerung werde, so schreibt er, in unserem »semisozialistischen« Staat durch Sozialhilfeempfänger ausgebeutet. Stattdessen schlägt er freiwillige Abgaben, also Almosen, vor. Wie Sloterdijk auf die Idee kommt, dass jemand mit 13€ Tagessatz Ausbeuter sein kann, entzieht sich dabei jeder Vorstellungskraft.

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